Delir nach COVID‑19

Warum Delir während oder nach COVID‑19 auftreten kann und was als Nächstes zu tun ist.

Kernaussagen

  • Bei älteren oder vulnerablen Patient:innen kann ein Delir eine frühe oder führende Manifestation von COVID‑19 sein – auch ohne Fieber.
  • Typisch ist eine multifaktorielle Genese: Hypoxämie, Entzündung, Dehydratation, Schlafstörung, Immobilität und Medikamentenlast.
  • Jedes neu aufgetretene Delir ist zeitkritisch: Ursachen suchen, Komplikationen ausschließen, Sicherheit gewährleisten.

Klinischer Kontext

COVID‑19 wirkt systemisch. Bei Frailty, Demenz, Multimorbidität oder nach Hospitalisation/ICU kann akute Hirndysfunktion als Delir auftreten. Das kann früh im Infekt, während der Akutbehandlung oder in der Rekonvaleszenz bei persistierender Hypoxie, Schwäche und Polypharmazie passieren.

Pathophysiologie

Neuroinflammation, Störung der Blut‑Hirn‑Schranke, Hypoxämie und Perfusionsstörungen, toxisch‑metabolische Faktoren (Elektrolyte, Nieren-/Leberfunktion) sowie Arzneimittelwirkungen (Sedativa, Opioide, anticholinerg) tragen bei. Umweltfaktoren (Isolation, Schlafentzug, sensorische Deprivation) senken die kognitive Reserve.

Risikofaktoren

  • Alter > 65, Frailty, Demenz, früheres Delir, Seh-/Hörminderung.
  • Pneumonie, niedrige SpO₂, kardio‑/thromboembolische Komplikationen.
  • Dehydratation, geringe orale Zufuhr, Fieber, Diarrhö/Erbrechen.
  • Polypharmazie und kürzliche Therapieänderungen.
  • Schmerz, Harnverhalt, Obstipation, gestörter Schlaf‑Wach‑Rhythmus.

Abklärung

Delir klinisch sichern (z. B. 4AT/CAM) und systematisch Auslöser erfassen: SpO₂, Temperatur, Kreislauf; respiratorische Symptome; Hydratation; vollständige Medikamentenliste inkl. OTC. In der Klinik: Blutbild, CRP, Elektrolyte, Glukose, Nieren-/Leberwerte; ggf. BGA, Thoraxbildgebung und Kulturen nach Indikation.

Notfall: akute Verschlechterung mit Dyspnoe/SpO₂ niedrig, Brustschmerz, Krampfanfall, neue fokale Ausfälle, schwere Somnolenz oder Sepsiszeichen → sofortige Abklärung.

Behandlung

Ursachenorientiert: Hypoxämie korrigieren, Pneumonie behandeln (Indikation), rehydrieren, Elektrolyte/Glukose korrigieren, Schmerz kontrollieren, Harnverhalt/Obstipation behandeln, Schlaf schützen. Nicht‑pharmakologische Maßnahmen sind zentral: Reorientierung, Tageslicht, ruhige Nächte, frühe Mobilisation, Brille/Hörgerät. Sedierung nur bei Gefährdung und ärztlich gesteuert.

Fallstricke

  • Verwirrtheit als „Post‑COVID‑Müdigkeit“ abtun und Hypoxämie/Sepsis übersehen.
  • Sedativa hinzufügen ohne Trigger zu behandeln.
  • Hypoaktives Delir übersehen („schläft nur“).

Praktische Tabellen

KontrolleWarumPraktisch
SpO₂/AtemarbeitHypoxämie häufigPulsoxymetrie; Pneumonie abklären
Hydratation/DiureseDehydratation/RetentionEin-/Ausfuhr; Harnverhalt prüfen
MedikamenteSedativa/anticholinergAlle Präparate + Änderungen
Elektrolyte/Glukosereversibelärztliche Abklärung

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